Weihnachten 2017 entscheiden wir uns. Wir werden unser Chicago Abenteuer früher als geplant beenden und nach Berlin zurückziehen. Warum? Zum einen wurde die Abteilung meines Mannes zugemacht. Er könnte in eine andere Abteilung wechseln, aber so richtig klar und geordnet ist das alles nicht (kurz: es wirkt chaotisch). Ich bin erschöpft von zu viel Alleinsein mit dem Kind, der oberflächlichen Freundlichkeit vieler Amerikaner, ich vermisse meine Freunde und Familie und ja… auch meine Arbeit in Deutschland (was für mich überraschend war).

Nach Silvester kehren wir aus unserem Deutschlandurlaub nach Chicago zurück.  Der Abschied wird konkreter.  Der Arbeitgeber meines Mannes weiß Bescheid, dort werden (hoffentlich) alle möglichen Prozesse zur Vorbereitung des Umzugs eingeleitet.

Ich fahre mit meinem Fahrrad durch die Stadt. Warte auf Wehmut, Zweifel, das große Bedauern über die Entscheidung. Doch die Stadt macht es mir leicht. Die Straße ist weiß, morgens dachte ich im ersten Moment es wäre Schnee. Eine dicke Schicht Streusalz bedeckt die Straße, frisst sich in meine Kette, die Zahnräder und Ritzel, zersetzt die Felgen. Die Autofahrer sehen mich nicht. Jedes Mal wenn ich durch die Stadt rase, erlebe ich mindestens zwei Beinahe-Unfälle, weil Autofahrer einfach abbiegen oder auch trotz Zebrastreifen mit neongelbem Schild, das „State Law“ ruft (es gibt ein Gesetz, das man anhalten muss), nicht für mich bremsen wollen. Dann beginnt der Regen. SUVs pflügen durch die Pfützen und duschen mich mit einem Schwall Dreckwasser. Ich schimpfe ihnen hinterher, mittlerweile sogar auf Englisch. Bei so einem Wetter kann ich sicher sein, dass selbst ein Verrückter mit Waffe nicht anhält, um sich mit mir zu streiten.

Schweren Herzens teile ich den Yogastudios mit, das ich bald wegziehen werde. Die Reaktion ist – anders als erwartet. Die Studiobesitzerin, die immer total begeistert von mir war, und sagte ich sei „such an awesome addition to the studio“ reagiert nach zwei Tagen. Die andere, die sagte es hätte sofort „klick“ gemacht, als ich das erste Mal in ihre Stunde gekommen sei, schreibt nur, es sei blöd, dass ich schon so bald weg sei. Aber von den zwei anderen Studios bekomme ich sehr liebevolle E-Mails, die mich wieder aufmuntern.
Ich gebe weiterhin Stunden, rase mit dem Fahrrad durch Schnee und Matsch. Im Hilltop Studio, in dem ich gerade erst im Dezember angefangen hatte zu unterrichten, soll ich morgens zwei Klassen geben. Nachdem ich den Vertrag bekommen hatte, habe ich ernsthaft überlegt ob ich dort arbeiten möchte. Es gibt keinen Basisbetrag, der pro Stunde gezahlt wird, sondern es wird ausschließlich abhängig von der Zahl der Schüler_innen gezahlt. Nach einem komplizierten Prozentschlüssel, der sich nach der Art des Vertrags richtet den der/die Schüler_in nutzt. Aber da ich unbedingt mehr Klassen unterrichten wollte, unterschrieb ich schließlich. Nun stand ich da und wartete. Schließlich kam eine Schülerin zum „Slow Flow“. Ich gab ihr ihre Privatstunde, sie war unkonzentriert und hielt nicht viel davon die Positionen so lang zu halten wie ich es ansagte. Zur nächsten Stunde „Power Flow“ kam niemand. Nach einer Viertelstunde Warten schloss ich das Studio ab. Mit An- und Abreise, Yogastunde plus warten hatte ich zwei Stunden gearbeitet und bekam 5 Dollar für die eine Schülerin. Ein Stundenlohn von 2,50 Dollar. Meine Laune sank weiter.

Dann muss ich noch die offene Rechnung von meinem dritten Job klären. Im Dezember habe ich im „Maison Marcel“, einem französischen Café, als Barista gearbeitet. Ich hatte ein Schild im Fenster gesehen, dass sie Baristas und Kellner_innen suchen und mich beworben (also meine Telefonnummer dagelassen). Der französische Besitzer lud mich zum Gespräch ein. Nach einer Stunde Wartezeit kam er tatsächlich noch. Ich fragte welche Schichten er benötige, was er irgendwie nicht direkt beantworten konnte oder wollte. Wir legten einige Schichten für mich fest. Am Samstag war ich um 7 Uhr im Laden. Der Chef war tatsächlich auch schon da. Und die von ihm angepriesene Chef-Barista Amber, die mich anlernen sollte. Es war schön wieder in einem Café zu arbeiten. Hinter meiner Kaffeestation rollte der französische Bäcker Croissantteig aus. Amber war sehr gründlich, wir gingen alle möglichen Getränke von ihrer Mengenzusammensetzung durch. Iced Coffee? Moment, bei -5 Grad Celsius trinkt jemand Iced Coffee? Ja, tatsächlich, wie ich später merken sollte. Um 9 Uhr sollte ich eigentlich wieder gehen. Der mittlerweile anwesende mexikanische Mitbesitzer Rodrigo fragte, ob ich länger bleiben könne. Ab 10 Uhr ging es richtig los, ich konnte mich vor Bestellungen kaum mehr retten. Das nervigste waren die unterschiedlichen Milchvarianten. Vollfettmilch raus, aufschäumen, Kanne spülen, Mandelmilch aufschäumen, Kanne ausspülen. Die Liste der bestellten Getränke wurde länger und länger. Ich versuchte nicht hektisch zu werden. Auch als Rodrigo mir ständig über die Schulter guckte und jeweils das nächste Getränk ansagte. Ich stellte fertige Getränke an die Theke, rief „Cappuccino“ oder „Drip“, aber meine Stimme drang natürlich nicht durch das Lärmgemisch, so dass die Getränke dort stehen blieben und langsam ihre Trinktemperatur verloren. Ein zweiter Barista, James, wurde mir an die Maschine gestellt. Auch für ihn war es heute die erste Schicht. Nach 50-60 Getränken war ich um 12 Uhr endlich fertig.
Die nächste Schicht am Mittwoch war total ruhig. Ich konnte mit Amber gemütlich Milch aufschäumen üben und an der Einstellung der Espressomühle herumexperimentieren.
Die nächste Schicht war für Freitag ausgemacht. Am Donnerstag Abend bekam ich eine Nachricht vom Franzosen, dass ich nicht kommen bräuchte, sie würden noch jemand anders ausprobieren. Wegen nächster Woche würde er sich bei mir melden. Als ich in der darauf folgenden Woche keine Nachricht erhielt, schrieb ich ihn an was jetzt mit meiner Arbeit sei. Er antwortete meine zeitliche Verfügbarkeit sei schwierig für ihn. Ich ballte die Fäuste. Wie wäre es gewesen, wenn er im ersten Gespräch gesagt hatte für wann er jemand brauchte? Dabei ist er doch gar kein Amerikaner von denen ich es mittlerweile gewohnt war, dass sie immer das direkte Wort scheuen! Ich fuhr am Wochenende ins Café und redete mit ihm. Schließlich erfuhr ich, dass ich fünf Tage die Woche arbeiten müsste um die Position als Barista zu bekommen. Ich sagte, das sei nicht möglich. Wir vereinbarten, dass ich mich im neuen Jahr wieder melden würde, falls ich es mir anders überlege. Gesagt getan. Ich schrieb ihm, dass ich bald nach Deutschland zurückgehen würde und er mir bitte meinen Lohn auszahlen möge. Im Abstand von einer Woche erneuerte ich diese Nachfrage, der stets mit Ausflüchten begegnet wurde. Wenige Tage vor dem Abflug ging ich noch einmal ins Café. Der weiße Landhaus Boho Chic, der mir am Anfang so gut gefallen hatte, wirkte schäbig und gekünstelt. Zähneknirschend zahlte er mir den offenen Lohn in bar aus. Wir hatten dummerweise nicht über die konkrete Bezahlung gesprochen, bevor ich angefangen hatte und so hatte ich nichts in der Hand um mehr als den Basislohn zu bekommen. Meinen Anteil von den Trinkgeldern rückte er natürlich raus, zum Glück hatte Amber mir nach der einen Schicht einen Teil der Trinkgelder zugesteckt. Da zahlte ich ständig die völlig normalen hohen Trinkgelder für durchschnittlichen oder schlechten Service in Cafés und Restaurants und dann arbeitete ich in dem Sektor und kriegte noch nicht mal meinen Teil davon zurück…

Der nasskalte Winter ist deprimierend und verbraucht meine ganze Energie. Mein Mann schlägt vor nach Mexiko zu fliegen. Am nächsten Tag geht es los. (Habe ich schon mal erzählt, dass er ein Mann ist, der Sachen gerne sofort umsetzt?) Wir fliegen nach Cancun. Im Flugzeug bestellen sich die Amerikaner vor uns nach dem Abflug um 11 Uhr morgens Wodka mit Cranberry und Gin Tonic. Vor der Landung nach 3,5 Stunden Flug folgt noch eine Runde Longdrinks. In Tulum besichtigen wir die Maya Ruine am Karibikstrand. Es ist zu voll. Dicke mexikanische Kinder wuseln um uns herum. Besoffene, rotstichige Amerikaner humpeln ächzend die wenigen Treppen zum Strand runter. Das Meer ist warm und nicht besonders salzig. Und niemand hält mich zurück als ich weiter rausschwimme (anders als im Land of the Free). Die warme Sonne, das leckere mexikanische Essen und die freundlichen, sehr kinderlieben Mexikaner muntern mich wieder auf.

Der Auszug  Ende Januar 2018 ist chaotisch. Es sind gefühlt 100 Sachbearbeiter, Unternehmen und Sub-Unternehmen beteiligt, die sich nicht auf einen Termin einigen können, so dass wir auch keine Rückflüge buchen können. Dann soll es auf einmal am nächsten Tag losgehen.
Ich stecke in einem tiefen, fiesen Depressionsloch und bin völlig überfordert vom Packen. Kurzerhand fliehe ich mit dem Mietwagen nach Madison, Wisconsin. Sitze dort im Hotelzimmer und starre auf den zugefrorenen See.

Die letzten zwei Nächte in Chicago verbringen wir in einem AirBnB Apartment in einem Apartmenthaus an der Gold Coast direkt am Lake Michigan. Stürmische, kalte Spaziergänge am Lake sind genau das Richtige zum Abschied nehmen von Chicago. Sie spiegeln mein Verhältnis zu dieser Stadt wider: Ich mag diese Stadt, besonders den großen See in seiner endlosen Weite, aber da ist diese Kälte, die ich nicht zu durchdringen vermochte und die immer mehr in mich gekrochen ist und mich gelähmt und traurig gemacht hat.

Als ich im Flugzeug sitze, bestelle ich mir ein IPA Bier, lehne mich zurück. Etwas Entspannung – bis ich das Püppi von meinem Sohn suchen muss, das sich fies zwischen den Sitzen versteckt hat. In Tegel: halbwegs geordnetes Chaos. Ich bin trotzdem glücklich: Ich bin zurück in Berlin!

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