Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

Alles Käse (2016)

Viele Menschen gewinnen ihr Bild von Polizeiarbeit nur durch Krimis im Fernsehen. Die – nun ja, nicht so ganz der Realität des Polizeialltags entsprechen. Wenn in meinen Geschichten Polizisten eine Rolle spielen, versuche ich daher immer es etwas realitätsnäher zu beschreiben. Inklusive seltsamer Abkürzungen und Beamtensprache 🙂

Alles Käse

Das Telefon vibrierte auf ihrem Nachttisch. Tilda schreckte hoch und griff es bevor es auf den Boden fiel.
„Ja?“
“Es tut sich was auf der TKÜ.“
„Ja, und? Dafür musst Du mich um“, sie blickte auf den altmodisch tickenden Messingwecker. „Drei Uhr morgens wecken? Die haben die letzten Tage schon mehr telefoniert, falls Du es nicht mitbekommen hast.“
„Sie sagen Dinge, die wir nicht ganz deuten können. Und der Sänger ist offensichtlich in den USA.“
„Weiß der Polizeiführer schon davon?“
„Nein, wir verstehen ja nicht alles und…“
„Schon gut. Ich komme. Welcher Dolmetscher ist da?“
„Raif.“
„Er soll Frederic holen.“

Sie schwang sich aus dem Bett, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann setzte sie sich auf die Toilette. Sie konnte sich nicht entspannen, sie war aufgeregt. Sie hatte es im Gefühl gehabt, dass den Jungs mehr zuzutrauen war als nur Computerspiele. Doch ihr Chef hatte ihr nicht geglaubt, wollte sogar schon die Anzahl an Kräften in ihrem Ermittlungsverfahren reduzieren. Sie stand auf, putzte sich ab. Schlüpfte in ihre Lieblingsjeans und eine hellblaue Bluse, darüber ihren Parka. Ihre Handtasche stand noch unausgeräumt neben der Tür, so dass sie diese nur greifen musste.
Als Tilda auf ihrem Fahrrad in die Pedale trat, überlegte sie was als nächstes zu tun war. Die fraglichen Stellen anhören, protokollieren sofern das noch nicht geschehen war, ggf. die Übersetzung der Dolmetscher veranlassen. Wenn sich die Gesprächsinhalte tatsächlich als relevant erweisen sollten, Benachrichtigung des Polizeiführers, anschließend konnte sie dann gleich anfangen Führungsinformation und Sprechzettel für die Amtsleitung zu schreiben, denn die Aufträge würden nicht lange auf sich warten lassen. Dann fiel ihr wieder ein, dass der Sänger in den USA sein sollte. Wen kannte er da? Sie durchforstete ihr Gehirn, doch ihr fielen keine personellen Verbindungen ein.

Schneller als sonst erreichte sie die Dienststelle. Sie sollte immer um diese Uhrzeit mit dem Fahrrad durch Berlin rasen, ihr waren insgesamt zehn Autos begegnet. Die BAO-Etage leuchtete als einziges Stockwerk hell in die Dunkelheit. Sie hielt ihren Ausweis an das Zeiterfassungsgerät, das würde diesen Monat wieder eine ordentliche DuZ–Zahlung geben. Im 13. Stock fand sie ihre Kollegen im Telefonüberwachungsraum. Robert war sichtlich erleichtert, sie zu sehen.

„Das ging schnell. Frederic ist auf dem Weg. Er war in einem Club. Ich hoffe, er ist in einem arbeitsfähigen Zustand.“
„Bestimmt. Vielleicht sogar noch besser als sonst. Was haben wir bis jetzt? Wer spricht mit wem?“
Robert zeigte ihr die Ausdrucke der Protokolle.
„Die arabischen Passagen habe ich übersetzt, wir haben sie in kursiv hinzugefügt“, sagte Raif und blickte sie feindselig an.
Tilda überflog das Gespräch von dem Philosophen und dem Koch.

„Wieviele Aufführungen braucht der Sänger noch? Es soll endlich losgehen.“
„Er will eine Galavorstellung. Ist eine kleine Diva. Und mein Festmenü ist noch nicht ganz durchdacht. Du kannst nicht mehr so einfach einkaufen. Auch hier wird besser überwacht.“
„Was meint der Scheich?“
„Ich weiß nicht. Habe nichts mehr von ihm gehört.“
„Meinst Du er ist im Paradies?“
„Dann hätten wir es gehört.“

Tilda ließ sich in den Stuhl fallen und las weiter. Wichtige Passagen strich sie mit einem Textmarker an. Einige Sätze markierte sie mit Fragezeichen oder schrieb Namen an den Rand.

„Sehr gut. Wissen wir wo der Sänger ist?“
„Laut PNR Abfrage ist er vor zwei Tagen von Amsterdam nach Chicago geflogen.“
„Ja, und weiter?“
„Ich weiß nicht. Ich habe erst vorhin die Abfrage gemacht.“
„Okay, dann rufe ich gleich unseren VB vom FBI an und bitte sie um Unterstützung.“

Frederic war eingetreten. Er trug eine schwarze fleckige Jeans, ein enges graues T-Shirt mit tiefem V-Ausschnitt aus dem sich seine dunklen Brusthaare kräuselten. Sein schwarzes Haar war eng an den Kopf gegelt. Er hatte glasige Augen und lächelte schief.
„Darf ich?“ fragte er, dann nahm er die Unterlagen.
„Er ist bei einer Frau“, sagte er nachdem er die Protokolle überflogen hatte. „Diese Passage hier kann man so übersetzen: „Solange er unter dem Rock wieder hervorkommt. Das heißt, er ist in den USA bei einer Frau.“
Er ließ sich in einen Bürostuhl fallen, zog eine Flasche Club Mate hervor, setzte sie an und trank sie in einem Zug aus. Als er sie absetzte, rülpste er laut.
„Ups“, sagte er grinsend.
Raif schüttelte den Kopf und wand sich angewidert ab.
„Eine Frau“, überlegte sie. Sie zupfte an ihrer Nagelhaut. „Stimmt, er hatte doch vor ein paar Monaten eine Affäre mit einer indischen US-Amerikanerin, die er in Köln kennengelernt hatte. Und sie wohnt in Chicago! Wie hieß sie bloß noch?“ Sie rannte in ihr provisorisches Büro, holte ihre Kladde und fing konzentriert an darin zu blättern.
„Das allwissende Buch“, grinste Frederic. Robert lachte. Raif starrte vor sich hin.
„Hier ist es“, sie zeigte triumphierend auf ihre Notizen. „Vor zwei Monaten war es. Laila Taylor. Okay, ich telefoniere mit dem FBI. Du, Robert fängst an einen Vermerk zu schreiben. Und ihr geht bitte die arabischen Passagen noch einmal gemeinsam durch.“
Sie verließ den Raum ohne eine Reaktion abzuwarten. Dieses Gezicke der beiden Dolmetscher nervte sie, aber sie waren beide sehr gut und lieferten erst recht gute Ergebnisse, wenn sie etwas gemeinsam übersetzten.

John meldete sich nach dem zweiten Klingeln. Sie schilderte ihm die Lage. Er war gerade in der Botschaft und sagte zu, sofort seine Kollegen in den Staaten zu kontaktieren. Dann rief sie den Polizeiführer an. Sie erwischte ihn bei seiner Laufrunde morgens um halb fünf. Er war skeptisch ob tatsächlich so viel hinter den Bemerkungen steckte, war aber mit ihren bereits getroffenen Maßnahmen zufrieden.

Es klopfte an ihrer Tür. Frederic steckte den Kopf zur Tür herein.
„Wir sind durch und haben soweit alles protokolliert. Kann ich dann gehen?“
„Kamen neue Gespräche?“
„Nein, nichts mehr.“
„Du möchtest wohl zur After hour. Wo geht’s denn heute hin?“
„Kater Blau. Kommst du mit?“
Sie lächelte matt.
Er zwinkerte ihr zu. „Irgendwann machen wir das.“
Als er die Tür geschlossen hatte, schaute Tilda einen Moment auf die Spree, die im fahlen Dämmerlicht blaugrau tief unter ihr entlangfloss. Sie sehnte sich nach der frischen Luft. Was sollte dieser Trip in die USA? Wen traf der Sänger außer Laila? Oder war er womöglich einfach verliebt? Sie musste sich mögliche Erklärungen überlegen für all die Fragen, die im Laufe des Tages vom Präsidenten, dem Polizeiführer, dem Pressesprecher auf sie einprasseln würden.

Am nächsten Tag kämpfte sie sich mit ihrem Rollkoffer durch das übliche Chaos in Tegel. Sie betrat als letzte das Flugzeug, das Telefon an ihrem Ohr glühte. Der Polizeiführer wollte nicht, dass sie flog. Aber keiner sprach so gut englisch wie sie und war mit den Einzelheiten des Falls so vertraut. Als die Maschine vom Finger zurückgeschoben wurde, schloss sie die Augen und atmete aus. Neun Stunden Ruhe. Bis auf die Akten in ihrer Tasche. Sie schaffte es tatsächlich den neuen James Bond Film zu sehen und drei Stunden zu schlafen.

In Chicago schlug ihr feuchte Sommerhitze entgegen. Sie ließ die Taxen links liegen und ging zur Blue Line, die sie direkt zu ihrem Hotel in Downtown brachte.
Sie duschte eiskalt, zog dann ihre beige Hose und ein weißes T-Shirt an. Als sie beim FBI Field Office ankam, klebten die Sachen an ihr. In dem Gebäude fröstelte sie und bedauerte, keinen Pullover mitgenommen zu haben. Die Klimaanlage arbeitete auf Hochtouren.
Gavin begrüßte sie mit einem festen Handschlag und dem üblichen „How are you?“ Sie freute sich, dass er da war. Auch einige andere bekannte Gesichter lächelten ihr fröhlich zu. Gavin führte sie in einen Besprechungsraum. Howard, ein ihr unbekannter Agent, zeigte ihr aktuelle Observationsfotos und eine Liste der Personen und Telefonnummern mit denen der Sänger in den letzten Tagen Kontakt gehabt hatte. Sie machte sich Notizen. Es wurde das weitere Vorgehen besprochen. Den Amerikanern war unwohl bei dem Gedanken, dass er frei herumlief. Tilda machte ihnen klar, dass die bisherigen Erkenntnisse nicht für eine Festnahme ausreichten. Sie einigten sich darauf, dass sie zum Observationsteam dazustoßen sollte, um sich ein Bild von seinen Absichten zu machen.

In der Tiefgarage stieg sie in einen schwarzen Van, der Gavin und sie vor Ort brachte. Das Observationsteam bestand aus einem Schwarzen, einem arabisch aussehenden Mann mit Bart, einem Weißen und einer weißen Frau. Sie machten sich bekannt und Tilda stieg in das Auto des Schwarzen und des Bärtigen. Die beiden machten viele Witze und allmählich gewöhnte sie sich wieder an den Midwest-Singsang.
Sie standen in Sichtweite des Hauseingangs von Laila Taylors Wohnung. Nach einer halben Stunde verließen der Sänger und sie das Haus.
„Du bringst uns Glück“, sagte der Bärtige enthusiastisch. „Ich dachte, wir müssen ewig warten.“
Der Sänger hatte den Arm um Laila gelegt und küsste sie auf ihren Scheitel. Er lachte, als sie in einen roten Ford einstiegen. Laila fuhr das Auto und hielt sich strikt an alle Geschwindigkeitsbeschränkungen. Sie verließen die Stadt und fuhren auf den Highway 48 Richtung Norden. Nach etwa 20 Kilometern setzte sie den Blinker und fuhr ab.
„Wo will die hin? Hier ist nichts“, sagte der Schwarze.
Sie fuhren mit mehreren Autos Abstand hinterher, das andere Auto folgte auch. Laila und der Sänger bogen gleich wieder ab und fuhren auf den Parkplatz eines großen gelben Hauses: ‚Mars’ Cheese Castle’.
„Nein, das kann nicht sein“, lachte der Bärtige. „Die gehen nicht ernsthaft zu Mars’ Cheese Castle. Das ist das Ereignis meiner Kindheit gewesen. Wenn wir im Urlaub nach Wisconsin gefahren sind, haben wir auf der Fahrt immer hier angehalten.“

Er sah ihre fragenden Blicke.
„Das ist, wie der Name sagt, ein Käseschloss.“
Und das war es wirklich. An jeder Ecke standen Käsehäppchen zum Probieren. In langen Kühlregalen lag Käse aus aller Welt: Schweizer Fonduekäse, französischer Raclettekäse, deutscher Harzer Roller und ganz viel in Wisconsin gefertigter Cheddar.
Außerdem gab es Käsehüte aus Schaumstoff, Käsebesteck, Soßen, Chips, Knäckebrot, Süßigkeiten.
Der Sänger und Laila schlenderten durch die Reihen. Ließen sich an der Frischetheke beraten, probierten mehrere Käsesorten.
Der Schwarze nahm eine Tüte Chips, Tilda ein Glas Oliven. Gemeinsam stellten sie sich an der Kasse hinter den beiden an. Der Kassierer beendete jeden Satz mit „Awesome“ – super, wunderbar.
„Haben Sie alles gefunden?“
„Ja, das ist ein ganz unglaublicher Ort“, sagte Laila.
„Super! Hat es Ihnen gefallen?“
„Ja, es ist richtig cool. Wir werden definitiv wiederkommen“, sagte der Sänger enthusiastisch.

Tilda biss sich auf die Lippe um das Lachen zu unterdrücken.
Der rote Ford fuhr wieder auf den Highway und zurück in Richtung Chicago. Als die beiden wieder in Lailas Haus verschwunden waren, parkten sie die Autos in der Nähe. Tilda zog ihr Mobiltelefon hervor. Zeit, ihrem Chef Bericht zu erstatten.

„Sie sind wo rein gegangen?“
„In Mars’ Cheese Castle.“
„Was ist das? Ein Club? Eine Moschee?“
„Nein, ein Käseschloss.“

Stille am anderen Ende der Leitung.

Nach einer Woche, vierzehn Restaurantbesuchen, zehn Drogeriebesuchen, zweimal baden im Lake Michigan, zweimal Kinobesuch, einmal Aussichtsplattform des John Hancock Centre, keinem Moscheebesuch, keinem Kontakt zu anderen Personen als Laila saßen der Sänger und Tilda ebenfalls im Flugzeug nach Berlin.

Sie überlegte, wie sie diese Erkenntnisse in dem Dienstreisebericht und dem Vermerk, den sie nach ihrer Rückkehr würde schreiben müssen, formulieren sollte. Ein verliebter Islamist. Mehr nicht.

Alles Käse.

 

Wisst ihr was die Abkürzungen bedeuten? Schreibt in den Kommentaren eure Vorschläge (ohne bei google zu spicken!)!

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2 Kommentare

  1. Sebastian

    Ich sehe schon, das Käseschloss hat es euch angetan. Scheint ein echtes Highlight zu sein 🙂

    Eine Abkürzung kenne ich – USA. Aber müsste eigentlich USofA heißen 🙂

    • Teresa

      Ja, ist es auch. Käse, der nach nicht viel schmeckt, und in allen Variationen in einem eigens dafür eingerichteten Schloss gefeiert wird – das ist schon was Besonderes!

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