One moment one story

Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

Alltag: Schwimmbaeder

Bevor ich hierher in die USA gezogen bin, hatte ich einige Vorurteile über Amerika und die Amerikaner. Es ist sehr spannend zu erleben wie diese sich nach und nach als falsch herausstellen… Eins war zum Beispiel dass die Amerikaner uns technologisch weit überlegen sind. Über den Zustand der Infrastruktur (Straßen, Gebäude, etc.) habe ich mir vorher nicht viele Gedanken gemacht (vielleicht zum Glück), aber dazu werde ich nochmal einen extra Post schreiben, denn ich muss mich ständig darueber aufregen.

Heute stelle ich euch mal den Zustand der Schwimmbäder vor. Vor Chicago habe ich in Berlin gewohnt und habe dort in der Zeitung immer mal wieder Diskussionen über den angeblich schlechten Zustand der öffentlichen Bäder gelesen. Personalkürzungen wurden moniert, Einschränkung der Öffnungszeiten, die Eintrittspreise stiegen gefühlt jährlich, was ich sehr ärgerlich fand.

Als ich hier das erste Mal ins öffentliche Bad im Welles Park ging, habe ich mich zuerst gefreut, weil mir der Eintritt sehr günstig vorkam (25$ fuer drei Monate). In der Umkleide konnte ich dann gar nicht glauben wie es dort aussah: der Putz abgeblättert, Rost, mehrere Duschen funktionierten nicht, dreckige Schränke und na ja, der Boden war auch ziemlich fleckig.
Das Schwimmbad selbst besteht aus einem kleinen Becken, ca. 25 Meter lang. Aus einem Radio dudelt gemütliche Country-Musik. Man legt seine „lap swim“-Karte und Führerschein auf ein kleines Tischchen, als Nachweis, dass man hier sein darf.  Die Bademeister erscheinen mir jugendlich. Wenn ich mit ihnen spreche, verstehe ich nur Bruchstücke ihrer Antwort. Ein penetranter Chlorgeruch hängt in der Luft. Nicht der Geruch: „Chlor, ah ja, ich bin im Schwimmbad“, sondern: „Chlor! Ich falle gleich um!“. Aber mögliche Viren und Bakterien, die in einem Becken das man sich mit anderen Menschen teilt, abzutöten ist für die Amerikaner sehr wichtig.
Für das sogenannte „lap swim“ (Bahnenschwimmen) wird das Becken in drei Bahnen unterteilt. Eine Bahn ist „Fast“, eine „Slow“, die dritte Bahn bekommt keine Bezeichnung. Ich schwimme ausschliesslich auf dem Rücken was immer schwierig ist, wenn man mit vielen anderen Schwimmern auf einer Bahn ist. Ich vermisse das SSE in Berlin bei dem es eine extra Bahn für Rückenschwimmer*innen gab. Ich versuche mein Glück auf der nicht näher bezeichneten Bahn. Nach kurzer Zeit stoße ich natürlich an einen langsam im Wasser dahintreibenden Wal. Ich drehe mich auf den Bauch und kraule schnell vorbei. Am Ende der Bahn hält sich eine ältere Dame mit Blümchenbadekappe an einem Startblock fest und macht Klimmzüge. Nicht schlecht! Ich schiele immer wieder auf die „Fast“ Bahn, da das überholen im Rückwärtsmodus doch sehr anstrengend ist. Ich liebe vor allem am schwimmen, wenn ich nicht allzu sehr auf meine Außenwelt achten muss und meinen Flow finde bei dem mein Gehirn abschalten kann und ich nicht mehr auf die Bewegung selbst achten muss. Doch auf der „Fast“ Bahn ist mir der Testosteron-Spiegel noch zu hoch. Breite Kreuze schießen aus dem Wasser und platschen im Delphin-Stil kraftvoll ins Wasser. Dazwischen eindrucksvolles Schnaufen. Allmählich leeren sich die Bahnen. Die „lap swim“-Zeit nähert sich dem Ende. Der Tag im Schwimmbad ist durchgetaktet. Als nächstes ist „open family swim“, nachmittags sind Kurse für Kinder. Ich schwimme bis zur letzten Minute und verlasse dann das Schwimmbad.


Im Sommer bin ich in den nahegelenen Hamlin Park gegangen, um dort im Freibad zu schwimmen. Als ich zum ersten Mal da war, habe ich an der Rezeption im Eingangsbereich den diensthabenden Teenager gefragt, wo das Schwimmbad sei und wo ich bezahlen könnte. Er zeigte mir den Weg und sagte es sei okay. Ich konnte das gar nicht glauben, fragte aber lieber nicht weiter nach. Die Umkleidekabinen waren ernüchternd, in einem schlimmeren Zustand als die des Hallenbades. Rost überall. An der Seite waren eine zusammengeklappte Tischtennisplatte und ein Kicker abgestellt. Als ich die Duschen ausprobierte, musste ich lachen. Zwei funktionierten gar nicht. Aus einer kam warmes Wasser heraus, allerdings nur in dünnen Strahlen, so dass ich hin- und herhüpfen musste, um einigermaßen nass zu werden. Das Außenbecken war auch ca. 25 Meter lang und… nun ja, einfach ein Becken. Irgendwas anderes gab es in dem Schwimmbad nicht. Um das Schwimmbad herum war nur Beton mit ein paar Liegen. Ein jugendlicher Bademeister saß in dicke Jacken eingehüllt am Rand. Ich nickte ihm zu, legte mein Handtuch auf eine Bank und begann meine Bahnen zu ziehen.
So oder ähnlich war es jedes Mal, wenn ich in diesem Sommer in das Schwimmbad kam. Ein oder zwei Bademeister hingen auf den Stühlen oder Bänken, trugen Sonnenbrillen und sahen ziemlich verkatert aus. Außer mir waren höchstens zwei andere Leute im Wasser.
Nach dem Schwimmen war die Duschsituation immer besonders fies. Ich muss zugeben, dass es manchmal schon sehr kalt im Schwimmbecken war, vor allem weil die Wassertemperatur an sich nicht besonders hoch war. Dann unter dünnen Wasserstrahlen umher zu hüpfen, um mich etwas aufzuwärmen… Wellness sieht anders aus.

Mein Fazit:
Schön, dass die Chicagoer Schwimmbäder so günstig, bzw. umsonst sind. Aber, für eine bessere Ausstattung würde ich tatsächlich auch gerne etwas bezahlen! Und… ich habe so meine Zweifel ob die Fähigkeiten/der Zustand der Bademeister*innen ausreichend ist, um tatsächlich Leute zu retten.

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1 Kommentar

  1. In der Tat, die Infrastruktur in den USA ist marode. Das ist mir schon bei meinem letzten längeren Besuch vor 10 Jahren in New York aufgefallen und vermutlich ist es in der Zwischenzeit nicht besser geworden 🙁 Will gar nicht wissen, wie es auf dem Land oder in Kleinstädten aussieht. Leider fehlt vielen in Deutschland diese Perspektive und sie erkennen gar nicht, wie gut es uns geht!

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