One moment one story

Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

Chicago Marathon

Seit ungefähr 15 Jahren ist Laufen ein wichtiger Teil meines Lebens. Diese Leidenschaft hat mein damaliger Sportlehrer, Herr K., geweckt. Er hatte Triathlon als Wahlsport ganz neu eingeführt. Meine Grundlage in den drei Disziplinen (schwimmen, Rad fahren, laufen) überraschte mich. Beim Rad fahren war ich schlechter als erwartet, beim laufen besser und beim schwimmen so lala, wie erwartet.

In meiner Ausbildung kamen zwei damalige Freundinnen auf die Idee einen Marathon in Angriff zu nehmen. Da ich immer für Abenteuer zu haben bin, stieg ich in das Training ein. Im Oktober 2003 lief ich meinen ersten Marathon in Frankfurt/Main. Ich hielt mich strikt an die errechneten Kilometerzeiten. Meine Mitstreiterinnen leider nicht, so dass ich bald alleine laufen musste. Nach 4:30 kam ich überglücklich ins Ziel – und wäre am liebsten weitergelaufen.

Also lief ich weiter. 2006 Berlin, 2007 Hamburg, 2009 Berlin, 2012 Leipzig. Dort gelang mir mit 3:30 meine bislang beste Zeit. Mehrmals habe ich wieder Lust gehabt einen Marathon zu laufen. Allerdings habe ich den albernen (?) Ansporn mein Ergebnis mit jedem Lauf zu verbessern. Dementsprechend umfangreich muss auch das Training sein. Tja, und dann war ich durch Schwangerschaft und Geburt gezwungen eine lange Laufpause zu nehmen.

Ich hatte mit einem Start beim Chicago Marathon 2016 geliebäugelt, musste mir dann aber eingestehen, dass ich das erforderliche Trainingspensum (4-5 Einheiten pro Woche) mit Kind und Arbeit nicht bewältigen konnte. Und mein Beckenboden war auch noch nicht wieder verlässlich genug (der meist unterschätzte Muskel unseres Körpers, finde ich. Ich hätte niemals, NIEMALS gedacht, dass sich eine Geburt so enorm darauf auswirkt). Aber in einem der Newsletter vom Chicago Marathon wurde aufgerufen sich als freiwillige*r Helfer*in zu melden. Es wurden verschiedene Posten angeboten. Streckenposten (course marshal) schien mir geeignet um mehr von der Stadt zu sehen. Über ein extra Portal konnte ich mich online sehr schnell und einfach anmelden.

Einige Tage später erhielt ich eine E-Mail von einer Freiwilligenkoordinatorin, die mich fragte ob ich nicht Lust hätte eine Stufe höher zu arbeiten, als Course Marshal Coordinator. Es gäbe auch besser „bling“, also bessere Ausstattung. Ich sagte zu.
Dann hörte ich lange nichts. Zwei Wochen vor dem Marathon fand ein Treffen an dem ich natürlich nicht teilnehmen konnte. Ich bekam die Sicherheitseinweisungen aber zugesandt. Besonders interessant fand ich das Video und die Empfehlungen für Maßnahmen wie man sich zu verhalten hat, wenn man eine*m Attentäter*in begegnet.
RUN – HIDE – FIGHT (Weglaufen – verstecken – kämpfen)

active-shooter

Es ist ja klar welches meine Handlungsoption wäre…

Derart vorbereitet sah ich dem Tag gelassen entgegen. Nur wusste ich gar nicht genau was ich eigentlich machen sollte. Ich lief auf jeden Fall fleißig durch den Loop (Downtown Chicago), um meine Nachbarschaft für die ich zuständig sein würde, gut zu kennen. Drei Tage vor dem Marathon schickte ich eine „inspiring mail“ an meine Freiwilligen in der ich schrieb wie sehr ich mich schon auf dieses unglaubliche Erlebnis mit ihnen freue.

Dann war der große Tag da: Sonntag, 09.10.2016. Um 6:00 traf ich im Starbucks Adams/State St meinen Course Marshal Coordinator Kollegen, Shailabh, der mir vorher versichert hatte dass er sich bestens in Chicago gut auskannte. Wir sichteten unsere Ausstattungstaschen. T-Shirt, Jacke, Mütze – von Nike gesponsort. Dann erklärte mir Shailabh welche Positionen wir auf jeden Fall müssten. Die ersten Freiwilligen, ein älteres Paar, traten uns heran. Shailabh checkte sie per smartphone ein, ich suchte die Jacke in der passenden Größe und die übrige Ausstattung zusammen. Unser Team war total gemischt: junge, alte, Frauen, Männer, Dicke, Dünne, Chicagoer, Menschen aus anderen Regionen der USA, die nur angereist waren um beim Marathon dabei zu sein. Ein älterer Mann teilte mir mit, dass es motivierend sei freiwillig zu arbeiten, wenn eine so hübsche Koordinatorin dabei sei. Er habe meine Nummer gespeichert, mich allerdings nicht auf Viber Chat gefunden, wie das denn sein könne? Das war jedenfalls das was ich meinte zu verstehen. Ich lächelte nur, versicherte ihm dass es toll sei dass er dabei sei und wandte mich dann dem nächsten Wartenden zu (zum Glück wartete jemand).
Als alle Brückenfahnen, Ausweise, Mützen, usw. ausgegeben waren, gingen Shailabh und ich auf die Strecke. An jeder Kreuzung stand ein*e Polizist*in, die uns freundlich zunickten. Wir gingen über die Clark Bridge nach River North und von dort zur Brücke über den Columbus Drive, die die Läufer als erstes überqueren würden (ca. km 1). Auf dem Weg dorthin begegneten uns Rollstuhlfahrer*innen/Handbiker*innen, die als erste gestartet waren. Wir standen in der Mitte der Brücke (natürlich am Rand) als die ersten Polizei- und Streckenfahrzeuge mit Blaulicht an uns vorbeisausten. Gefolgt von Streckenbegleitern per Rad. Und dann kamen die Top-Läufer*innen. Das Feld war noch dicht. Die Brücke vibrierte enorm! Ein unglaubliches Gefühl, dass Menschen ein so gewaltiges und stabiles Bauwerk derart in Bewegung versetzen können!

Es folgten unablässig neue Läufer. Einige sahen schon erstaunlich fertig aus. Wussten Sie, dass noch über 40 Kilometer vor ihnen lagen?!
Wir rissen uns los und gingen in unsere Nachbarschaft, the Loop, zurück. Auf den Brücken standen brav die von uns dort postierten Streckenposten mit orangen Fahnen. An der Strecke standen so viele Menschen! Sie hatten tolle selbstgebastelte Plakate mit denen sie ihre Lieben, die sich diesem mutigen Vorhaben stellten, anfeuerten. Fast jede*r hielt ein Smartphone in der Hand. Irgendwann trennten Shailabh und ich uns. Wenn ich die anderen Streckenposten traf, fragte ich brav wie es geht – alle waren guter Dinge. Ich blieb etwas bei ihnen stehen und sah mir die Läufer*innen an. Wie ich auch bei anderen Marathons schon beobachtet hatte, waren einige wirklich kreativ bei ihrer Kleidung gewesen. Superman, Batman und Micky Mouse liefen mit, Dänen, Palästinenser, Spanier. Einige Läufer*innen waren Teil eines Charity-Programms und schoben körperlich beeinträchtigte Menschen in Rollstühlen vor sich her. Das hat mich wirklich beeindruckt, denn das habe ich bei meinen Läufen in Deutschland noch nie gesehen. Nicht für sich selbst laufen, um sich etwas zu beweisen, um eine neue Bestzeit zu erreichen, sondern laufen um einen Menschen, der nie einen Marathon laufen wird, an diesem Erlebnis teilhaben zu lassen. Ich musste oft Auskunft geben über den Streckenverlauf, ich war stolz, dass ich bereits mit Ortskenntnissen glänzen konnte. Zum Glück hatte ich aber auch noch kleine Event-Karten dabei, die ich verteilen konnte. Eine Frau zeigte mir wie sie auf der Chicago Marathon App verfolgen konnte wo ihr Sohn sich gerade befand. Zusammen warteten wir bis er an uns vorbeikam. Dann ging ich weiter, es war nämlich richtig kalt geworden und ich war zu dünn angezogen, so dass ich mich durch laufen warmhalten musste.
Irgendwann kam die zweite Welle an mir vorbei, erkennbar an den grünen Startnummern. Zwischen den Starts der ersten und zweiten Welle lag eine halbe Stunde, dadurch wurde das Feld den Zielzeiten entsprechend entzerrt. Eine gute Lösung, wie ich fand. In Berlin hielt sich nämlich kaum jemand an die Startfelder, die in Minutenabständen starteten, so dass auf den ersten Kilometern immer ein unglaubliches Gedränge herrschte.
Als ich kurz vor der Halbmarathonmarke stand, sah ich das Leiden in vielen Gesichtern. Jetzt wurde es allmählich schwierig. Ich konnte so gut nachfühlen wie sich diese Menschen fühlten. Die Beine sind schwer, fühlen sich an wie Gummi, man hat das Gefühl auf der Stelle zu laufen. Man denkt an die Distanz, die noch vor einem liegt, versucht immer wieder in einen Laufrhythmus zu finden, sich anzutreiben. Die jubelnden Menschen am Straßenrand sind dann so unheimlich wichtig! Und die erschienen mir hier noch leidenschaftlicher als bei den deutschen Marathonläufen. Amerikaner sind überschwänglicher in ihren Gefühlsäußerungen, das konnte ich spüren. Leider gab es in Chicago nicht so viel Musik am Streckenrand. Das fand ich in Berlin immer so toll, die vielen Trommel-Gruppen und Bands, die einen mit der Musik ablenkten und einen Schub gaben um weiter zu laufen. Nach Meile 13, dem Halbmarathon, verließen die Läufer*innen mein Gebiet. Einige Posten meldeten, dass an ihren Positionen die Streckensperrungen bereits aufgehoben worden waren. Ich begab mich allmählich wieder in Richtung Treffpunkt. Auf dem Weg wurde ich von Leuten angesprochen, die mir für meinen Dienst dankten und dass es toll sei, dass ich das mache. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, viel gemacht zu haben, freute mich aber über diese Dankbarkeit.
Im Starbucks konnte ich mich dann aufwärmen und nahm die Utensilien der zurückkehrenden Freiwilligen zurück. Und dann – war der Marathon für mich schon vorbei. Ohne schmerzende Beine, ohne Schweiß, aber auch ohne das unvergleichliche Gefühl die Ziellinie überquert zu haben. Das werde ich dann im nächsten Jahr hoffentlich erfahren! Ich freue mich darauf dann wieder auf der anderen Seite zu sein und weiß jetzt noch mehr als vorher die Arbeit der vielen, vielen Helfer an der Strecke zu würdigen!

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3 Kommentare

  1. Verena Concha Vega

    Oktober 29, 2016 at 3:11 pm

    Liebste Tere,
    kaum in den USA und schon mitten drin.
    Schön zu lesen, dass Du Dich so gut zurechtfindest!
    Muss ein wirklich toller Tag gewesen sein
    und darüber hinaus hast Du es geschafft, mir,
    auf die „laufen“ noch nie einen besonders großen Reiz ausgeübt hat,
    diesen, vielleicht ein klein wenig in mir zu wecken.

    Vielleicht erst einmal als Zuschauer, nächstes Jahr,
    natürlich mit einen Motivationsplakat nur für Dich!

    • Teresa

      Oktober 30, 2016 at 2:00 am

      Schön, dass ich Dir etwas von meiner Laufbegeisterung vermitteln konnte! Es fängt immer mit dem zuschauen an… Ich würde mich sehr freuen nächstes Jahr von Dir angefeuert zu werden, dann laufe ich bestimmt eine neue Bestzeit!!

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