One moment one story

Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

First Son of the Nation

Diese Geschichte habe ich am 05.12.2016 per Skype im Café Cralle vorgelesen. Christian, Claas und ich hatten uns als Thema „Väter und Söhne“ ausgesucht.

First Son of the Nation

Hinter sich hörte er keuchenden, rasselnden Darth Vader Atem. Er rannte und rannte, aber das Geräusch verschwand nicht. Er trug seine Nike Zauberschuhe, er musste doch gewinnen! Auf einmal hörte der Weg auf, ein Abgrund tat sich vor ihm auf. Er hielt an, drehte sich schwer atmend um. Da stand sie. Hillary Clinton. In einem ihrer schrecklichen pinken Kostüme. Ein eingefrorenes Lächeln in ihrem Gesicht. Sie kam auf ihn zu.
„Gib mir deine Hand, Barron. Ich liebe alle Menschen.“
Er wich zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei, der nicht aufhören wollte
.

Er wurde geschüttelt. Als er die Augen aufschlug, sah er in die braunen Rehaugen seiner Mutter.
„Barron, mein Häschen“, sagte sie auf slowenisch. „Ganz ruhig. Du hast nur geträumt.“
Er starrte sie erschrocken an. Wusste nicht wo er war. Dann fiel ihm ein welcher Tag war.
„Wer hat gewonnen?“
Melania lächelte. „Was für eine Frage! Dein Vater! Du musst aufstehen, in einer halben Stunde sollst du mit ihm auf der Bühne stehen.“
„Wow“, sagte Barron und starrte vor sich hin. „Er gewinnt immer.“
„Ja, Häschen, er gewinnt immer.“ Melanias Lippe zuckte, sie presste die Lippen zusammen.
Sie half ihm in seinen blauen Anzug, der extra für dieses Ereignis neu angefertigt worden war. Nadja, die Stylistin, trug eine dünne Schicht Make-Up auf und kämmte seine Haare mit Gel zurück. Dann pinselte sie im Gesicht seiner Mutter herum. Mama trug einen weißen Einteiler mit sehr weiten Beinen, die bei jeder Bewegung um sie herum flatterten.
„Ist das ein Star Wars Kostüm?“
Melania blickte verunsichert an sich herunter. Bei Star Wars fiel ihm wieder etwas ein.
„Bekomme ich jetzt endlich den Todesstern?“
„Barron, hör auf. Jetzt ist nicht die Zeit für diesen Blödsinn.“
„Aber, Papa hat gesagt, wenn er gewinnt, dann bekomme ich den Todesstern.“
„Habe ich das gesagt?“
Donald betrat die Garderobe. Nadja eilte zu ihm und gratulierte ihm. Dann puderte sie sein Gesicht und kämmte durch seine Haare, die sich keinen Millimeter bewegten.
„Okay, let’s go“, sagte Donald und griff Barrons Hand.
Papas Hand war schwitzig. Barron fand das eklig und wollte sich lösen, doch sein Vater hielt seine Hand fest. Hinter der Bühne rannten viele Leute aufgeregt hin und her. Jemand hielt seinem Vater ein Handy ans Ohr und er rief:
„Vielen Dank, Herr Präsident. Die Verbesserung der amerikanisch-russischen Beziehungen ist mir ein besonderes Anliegen. Wir sollten uns bald treffen, wenn ich im Amt bin.“
Dann standen sie vor den Stufen zur Bühne.
„Ich hab Hunger, Papa.“
Keine Reaktion.
Mike Pence kam zu ihnen.
„Hallo Barron. Schön, dass du in dieser wichtigen Stunde dabei bist.“
„Herzlichen Glückwunsch, Mr Pence“, sagte Barron, da ihm sonst nichts einfiel. Zum Glück war keine Zeit für ein längeres Gespräch. Der Mundgeruch von Pence nach faulen Eiern und altem Fisch war mit das schlimmste was Barron je gerochen hatte. Ein Mann mit Walkie-Talkie in der Hand kam auf sie zu.
„Sind Sie soweit, Mr President-Elect?“
Papa nickte und schritt in Richtung Bühne.
„Wo ist Mama? Kommt die gar nicht mit?“
„Das ist eine Männersache.“
Dann stand er im gleißenden Scheinwerferlicht. Hinter ihm war eine riesige Amerika-Flagge. Sein Vater fing an zu reden. Barron wartete darauf, dass er etwas Lustiges über Hillary sagte, doch sein Vater redete viel langsamer und ruhiger als sonst. Ihm war langweilig. Aber er konnte das Publikum nicht sehen, das Licht war zu grell. Er starrte auf den Boden. Die Linien im Holz bewegten sich, bildeten Löcher, die sich vor ihm auftaten. Er musste an seinen Traum denken. Er hatte solche Angst davor gehabt, dass Hillary ihn anfassen würde. Bestimmt wäre er dann verbrannt, explodiert oder in sich zusammengefallen wie eine Rosine. Aber jetzt musste er keine Angst mehr vor ihr haben. Weil sein Vater die Macht hatte. Würde er jetzt in die Mädchenzimmer der Töchter dieses Muslims ziehen müssen? Seine Mutter hatte ihm keine Antwort gegeben, als er gefragt hatte, ob sie nach Washington D.C. ziehen würden. Sein Vater fasste ihn an der Schulter und drückte ihn an sich. Barron hatte nicht bemerkt, dass er mit seiner Rede fertig war. Die Leute klatschten. Es hörte sich an wie Meeresrauschen. Sein Vater zwickte ihn in die Schulter.
„Lächle. Und wink doch mal.“
Barron hob seinen Arm und bewegte seine Hand. Er lächelte in das Scheinwerferlicht und die dahinter liegende Schwärze. Dann gingen sie von der Bühne. Papa nahm Mama in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Du warst toll, mein Liebster. Bald werden sie dich alle lieben.“
Männer in dunklen Anzügen, Frauen in bunten Kleidern kamen auf seinen Vater zugestürmt. Schüttelten seine Hand, klopften ihm auf die Schulter, umarmten ihn.
Auf einem Tisch an der Seite standen belegte Bagels, Donuts und Getränke. Barron nahm sich einen Lachsbagel. Mama lachte aufgeregt, schüttelte Hände und stellte sich in ihre Fotografierpose. Keiner beachtete ihn. Barron schüttete den Inhalt einer Bierflasche in einen Pappbecher und nahm einen Schluck. Es war bitter, er wollte es ausspucken, doch er zwang sich, es im Mund zu behalten. Es wurde süß. Er schluckte. Prickelnd rann das Bier seine Kehle herunter. Er nahm noch einen Schluck und rülpste. Der Lachs-Bagel war lecker, er überlegte noch einen zu essen. Doch die Donuts sahen zu gut aus. Die waren bestimmt von Peter Pan. Er nahm einen Peanutbutter-Schokoladen Donut, der mit Goldfetzen verziert war. Als sein Becher leer war, wollte er zu einer weiteren Flasche greifen, doch ein Arm legte sich von hinten um seine Brust.
„Haben sie dich geweckt, mein armer Bruder? Ich bin so neidisch, du durftest mit auf die Bühne!“
Ivanka hatte schwarz umrandete Augen, sie roch nach Champagner. Sie trug ein hellblaues Kleid, das komisch aussah.
„Jemand hat dein Kleid falsch rum zusammengenäht. Man sieht ja die Naht zwischen Ober- und Unterteil.“
Sie sah ihn irritiert an, strich dann über den Rock.
„Dummchen, das soll so sein. Das hat Alexander gemacht. Seit wann bist du ein Nähprofi?“
„Vielleicht werde ich ja Designer.“
Sie warf ihren Kopf zurück, riss ihren Mund auf und lachte laut und schrill. Barron wusste nicht was so lustig war. Er wollte sich noch einen Donut nehmen, als seine Mutter zu ihnen kam.
„Barron, es ist genug. Du kannst doch nicht um diese Zeit essen. Mein Gott, wer hat das überhaupt hierhin gestellt?“
„Lass ihn doch. Heute dürfen wir alle alles“, sagte Ivanka, immer noch lachend.
„Mein Sohn, meine Regeln“, zischte Mama. Sie zog ihn an seinem Jackärmel vom Tisch weg in Richtung Ausgang.

Ihm schlug warme Herbstluft entgegen, als sie das Hotel verließen. Blitzlichter von rechts und links, oben und unten. Ein Bodyguard schubste die Fotografen zur Seite. Die Tür des schwarzen Vans stand offen, so dass sie schnell einsteigen konnten. Im Auto zog Mama ihr Handy aus der Tasche und fing an zu tippen. Barron überlegte ob er sie nochmal nach dem Todesstern fragen sollte. Doch sie wirkte so vertieft und gut gelaunt, lachte immer wieder leise auf, dass er sich dagegen entschied. Er würde morgen seinen Vater fragen. Das war doch eher eine Männersache.

Er stand am Rande eines riesigen dampfenden Bottichs. Er hörte ein schrilles Lachen hinter sich. Hillary lief auf ihn zu. Weit unter sich konnte er seinen Vater erkennen. Er schwamm in einer dunklen Flüssigkeit und streckte seine Arme aus.
„Spring, kleiner Trottel. Ich fange dich!“
Barron wollte nicht, es war so tief. Doch Hillary hatte ihn jetzt fast erreicht, sie streckte ihren Arm schon aus. Er sprang, tauchte mit seinen Füßen in die Flüssigkeit, die sich warm und schwer um ihn schloss. Er wurde unter die Oberfläche gezogen, sein Mund füllte sich mit flüssiger Schokolade.

„Barron, Barron. Du musst aufstehen.“
Seine Nanny Mary streichelte über seine Wange. Er stützte sich auf seinen linken Arm und richtete sich auf. Sie drückte ihm einen Becher Kakao in die Hand. Die warme Flüssigkeit rann zähflüssig seine Kehle herunter, die Süße breitete sich in seinem Mund aus und vertrieb den bitteren Biergeschmack, der auf seiner Zunge lag.
„Wieso muss ich zur Schule gehen? Müssen wir keine Interviews geben?“
„Du gehst zur Schule wie jeder ganz normale amerikanische Junge. Es gibt hier genug andere Leute, die mehr als bereit sind, Interviews zu geben.“
Mary legte seine Kleidung zurecht, half ihm beim Anziehen, dann bürstete sie seine Haare. Der Frühstückstisch war nur für ihn gedeckt. Barron nahm sich einen halben Zimtbagel und bestrich ihn mit einer dicken Schicht Frischkäse. Als er kaute, zog er sein Tablet zu sich heran und prüfte die Börsenkurse seiner Aktien. Der Dow Jones war aufgrund des Wahlausgangs gefallen, nicht gut für ihn. Er wollte seinen Vater fragen was er meinte, wann sich die Kurse wieder erholen würden. Er stopfte sich den Bagel in den Mund und ging zum Büro seines Vaters.

Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Barron spähte in den Raum. Sein Vater saß an seinem Schreibtisch in seinem riesigen Ledersessel, der seitlich zum Fenster gedreht war. Seine Hose hatte er runtergezogen, sie hing auf seinen Schuhen. Er hielt eine Zeitung in der linken Hand, die rechte Hand war unter dem Schreibtisch. Er keuchte leise, fuhr mit seiner Zunge über seine Lippen.
„Der Größte… der mächtigste..“ stieß er hervor. Dann schüttelte sich sein Körper, er ließ die Zeitung sinken und stöhnte langgezogen mit geschlossenen Augen. Er verharrte einige Sekunden so, dann zog er seine Hose hoch, wischte sich mit einem Taschentuch die Hand ab und warf die Zeitung in den Mülleimer. Als er wieder am Schreibtisch saß, öffnete Barron die Tür.
„Papa, der Dow Jones ist gefallen, was soll ich jetzt mit meinen Aktien machen?“
„Du hast mich erschreckt. Was soll das heißen? Haben die es immer noch nicht kapiert? Jetzt geht es doch endlich wieder aufwärts! Gut, dass du mir das sagst.“
Donald griff zum Telefon und tippte eine Nummer.
„Jared, Donald hier. Barron hat mir gerade gesagt, dass der Dow Jones gefallen ist. Was ist da los? Was bilden die sich ein?“
Seine Augenbrauen verzogen sich. Die Antwort gefiel ihm offensichtlich nicht.
„Spar dir dein Gelaber. Das muss geändert werden. Das macht sonst den falschen Eindruck.“
Er wurde rot im Gesicht, klopfte mit seinem Fuß auf den Boden. Barron ging langsam zur Tür und schloss sie hinter sich. Seine Mutter stand vor ihm. Sie trug ihre engen türkisen Sportklamotten.
„Was ist los, Häschen? Hast du etwa Papa gestört?“
„Ich hatte nur eine Frage.“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, ging zur Tür, zog seinen Mantel an. Sie kam hinter ihm hergelaufen. Ihre Stirn legte sich in Falten soweit das möglich war.
„Hast du ihn wütend gemacht?“
„Mir doch egal. Wo ist mein verdammter Rucksack? Wie soll ich denn so zur Schule gehen?! Mary!“

In der Schule war eigentlich alles wie immer. Er hatte nur das Gefühl, dass einige Lehrer ihn länger anstarrten als sonst. Sein Freund Brian fragte ihn wie es auf der Bühne gewesen war.
„Ganz cool. Danach hab ich erstmal ein Bier getrunken.“

Rose kam auf ihn zu.
„Hast du dir das Spießeroutfit von letzter Nacht selbst ausgesucht?“
„Das war ein Anzug von Albertini&Totti. Aber das sagt dir wahrscheinlich nichts.“
„Nee, was soll mir das sagen? Dass dein Vater Geld für Schwachsinn ausgibt? Das wusste ich auch schon vorher. Bestimmt wird ein schlauer Richter das Wahlergebnis noch kippen. Und wenn nicht, werden wir deinen Vater bald aus dem Weißen Haus jagen.“
„Wer ist wir?“
„Meine Mutter und ihre Freundinnen und ich. Ich bin nämlich so stark wie Pippi Langstrumpf.“
„Wer ist das?“
Rose sah ihn ungläubig an. Dann nickte sie.
„Du kennst Pippi Langstrumpf nicht. Armer Junge. Aber das erklärt einiges.“
Kopfschüttelnd ging sie weg.

Barron wollte sein Smartphone aus der Hose ziehen, doch dann fiel ihm ein, dass es im Auto lag. In der Schule waren Smartphones nicht erlaubt.
Die Stunden krochen vor sich hin. Um 15 Uhr war er endlich fertig und rannte zu dem schwarzen Mercedes, dessen Tür ihm von Raoul offengehalten wurde.
„Phone“, sagte er. Raoul reichte ihm mit seiner schwarz behandschuhten Hand das Smartphone nach hinten. Barron googelte, steckte die Kopfhörer ein und sah sich auf YouTube einige Videos an.

Als er die Wohnung betrat, schlug ihm ein Summen verschiedener Stimmen entgegen. Ivanka und Jared standen im Salon und tranken Champagner.
„Da bist du ja endlich, Kleiner. Geh schnell in Wohnzimmer Nummer 2, du sollst auch interviewt werden.“
Barron ließ seinen Rucksack zu Boden gleiten und hängte seinen Mantel an die Garderobe. Ein Interview, gerade jetzt wo er so viele Fragen mit seinem Vater besprechen musste.
Seine Eltern saßen auf dem unbequemen Biedermeier Sofa. Auf dem Zebra-Sessel saß eine Frau in einem dunkelroten, engen Kleid mit schwarzer Sekretärinnenbrille.
„Da ist er ja, der neue First Son.“
„Komm her, Barron“, sagte sein Vater und winkte ihn zu sich heran. Er zog ihn auf das Sofa, zwischen sich und Melania. Mama hatte zu viel von ihrem Vanille-Parfüm aufgetragen. Die Journalistin fragte ihn wie er die letzte Nacht erlebt hatte und ob er aufgeregt sei.
„Nein, wieso sollte ich aufgeregt sein?“
„Na ja, dein Vater wird bald der mächtigste Mann der Welt sein.“
„Sie kennen ihn ja nicht so gut wie ich, aber ich lebe schon zehn Jahre mit ihm zusammen. Gerade heute habe ich verstanden wer Papas Vorbild ist: Pippi Langstrumpf: Er macht sich die Welt wie sie ihm gefällt.“

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2 Kommentare

  1. Schön – also die Geschichte, nicht die Realität.

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