Dieser Text war die erste Geschichte, die ich beim Lesetresen im Café Cralle vorgelesen habe (Oktober 2011).

Impuls: Die Ausstellung „Unheimlich vertraut – Bilder vom Terror“ c/o Berlin
Kunstwerk: Thomas Hirschhorn: The Incommensurable Banner

Kleiner Fuchs
Sein Gesicht rötet sich. Er stützt die Hände auf seine Knie. Bereit jeden Moment aufzuspringen und seinen Diskussionspartner zu attackieren, falls Worte nicht mehr ausreichen. Der andere: Sonnengebräunt, ein verächtliches Lächeln umspielt seine Lippen. Die kinnlangen Haare, das legère Polohemd verleihen ihm zusammen mit dem Teint ein jugendliches Aussehen. Trotzdem kann ich sogar von meinem Platz in der vierten Reihe aus seine Falten sehen.
Er fragt in die Runde worüber hier eigentlich geredet werde. Amerikaner und Europäer hätten dieses Ereignis bis heute nicht begriffen. Außerdem hätten ihn die kurze Zeit nach den Attentaten einsetzenden Erklärungsversuche angewidert. Er stellt die Frage, warum allen Ereignissen eine tiefliegende Bedeutung zugeschrieben werden müsse.
Der als Moderator engagierte Professor versucht die Diskussion zu schlichten. So hatte er sich das sicher nicht vorgestellt, als er gebeten wurde das Podium zur Frage der Macht von Bildern am Beispiel der Terroranschläge vom 11.09.2001 zu leiten. Hilflos wirft er ein:
„Aber, wir können die Diskussion ja jetzt nicht einfach beenden!“
Er schaut auf seine Zettel, als ob er erwarte dort einen Masterplan zu finden.
Der vierte im Bunde sieht einfach nur gut aus. Hellbrauner Anzug, große Streberbrille, sowie es in Berlin zur Zeit angesagt ist. Er sieht so jung aus. Und ist schon Professor.
Der gekränkte Künstler mit dem Bierbauch, der eher wie ein Handwerker aussieht, schaltet sich wieder ein. Er entgegnet, dass die Bilder vom 11.09. deshalb so viel Kraft gewonnen hätten, weil sie die Amerikaner bis ins Mark erschüttert hätten. Und dies zudem vor den Augen der gesamten Welt.
Mr. Sonnengebräunt lacht bei der Formulierung „ins Mark erschüttert“ kurz irritiert auf. Der Künstler wird unsicher, stammelt, fasst sich an den Kragen. Er faselt weiter, berichtet was ihn bei seiner Arbeit inspiriert.

Auf einmal meldet sich der schöne Professor zu Wort. Er schaut sinnend in die Zuschauermenge und sagt, dass die Bilder vom Einschlag der Flugzeuge in die Twin Towers sehr ästhetisch seien. Ja, es seien einfach schöne Bilder. Ich halte die Luft an, merke wie ich verkrampfe. Der Rest vom Publikum ist auch spürbar getroffen.
Darf man so etwas sagen?
Der moderierende Professor wirft ein, dass im Zusammenhang mit den Anschlägen auch immer wieder über die ästhetische Qualität der Ereignisse gesprochen worden sei, dies finde er aber wirklich heikel. In Verbindung mit einem Anschlag bei dem Tausende Menschen ums Leben gekommen sind, wirke es deplatziert von Ästhetik zu sprechen. Doch der Schöne beharrt darauf. Mit leuchtenden Augen sagt er, dass dieser Feuerball des auf den Südturm auftreffenden zweiten Flugzeugs so perfekt war wie in einem Katastrophenfilm. Dadurch dass die Welt per Fernseher live dabei gewesen sei, hätten wir den Anschlag wie die Explosion in einem Hollywoodfilm erlebt. Deshalb werde er von uns auch nicht als mörderischer Akt wahrgenommen, weil wir nicht die Bilder von schreienden, blutenden Verletzten und Toten im Kopf haben, sondern nur das explodierende Gebäude. Und deshalb könne man durchaus von Ästhetik sprechen ohne den Anschlag zu bejubeln.
Der sonnengebräunte Professor schaltet sich wieder ein. Er fragt, ob die Amerikaner dann nicht in gewisser Weise selbst schuld seien, weil sie mit ihren Hollywood-Filmen die Vorlage für Anschläge solchen Ausmaßes geliefert hätten. Als einige Zuschauer anfangen zu murmeln, schmunzelt er. Er freut sich über die gelungene Provokation. Der Moderator wendet ein, dass die Filmemacher ja auch von etwas inspiriert wurden. Und das sei nun mal die Wirklichkeit, die schon gewalttätig genug sei. Generell hätte der 11. September vorgeführt, dass Gewalt Gegengewalt erzeuge und dies in eine endlose Gewaltspirale münde. Der ästhetische Professor schaltet sich ein und deutet mit einer großen Handbewegung durch den Raum. Er vermisse diese Gewalt in der Kunst, sie sei zu sehr an „schönen“ durchgestylten Kunstwerken interessiert. Der Künstler widerspricht. Er sieht die Unfähigkeit beim Betrachter, der die Intention des Künstlers einfach nicht verstehe. Müsse er aber auch nicht, denn wenn ein Künstler wollte, dass man sein Kunstwerk richtig versteht, wäre er ja Schriftsteller geworden.
Die Diskussion driftet ab zu der Frage, ob Kunstwerke erklärungsbedürftig sind oder ob Bilder keines Kommentars bedürfen. Als Beispiel wird auch das Kunstwerk von Thomas Hirschhorn bemüht, das rechts vom Podium hängt. Ein 18 Meter großes Stofftuch, vollgeklebt mit Fotos und Zeitungsausschnitten von zerfetzten toten Männern. Über allem prangt die Überschrift „The Incommensurable Banner“ – „das Banner des Nichtvergleichbaren“. Dieses Kunstwerk widerspricht vehement der These moderne Künstler seien nur noch an der Produktion „schöner“ Kunst interessiert. Der Künstler auf dem Podium sagt, ihn berühren die Bilder nicht, weil die Leichen in seinen Augen offensichtlich Araber „oder so was“ seien und keine „Westler“. Die seien ja anders als er. Erst wenn man sich in dem Opfer erkenne, berühre einen ein Bild. Die anderen auf dem Podium gucken bedenklich und betreten. Der Moderator versucht zu entschärfen:
„Na ja, wir müssen das jetzt nicht vertiefen was jeder dabei fühlt. Aber für die meisten Menschen dürfte es schwer sein diese Bilder anzugucken, beziehungsweise man wendet sich nach ein paar Minuten angeekelt ab.“

Ich betrachte die Bilder, die ich vorhin schon ausgiebig angesehen habe. Ich hatte erst die Künstlertafel durchgelesen und war daher vorbereitet, dass mich jetzt eine Flut von schlimmen Bildern erwarten würde. Doch ich konnte minutenlang davor stehen, ohne mich übergeben zu müssen oder in Tränen auszubrechen. Bin ich gefühlskalt?
Viele Bilder weckten Erinnerungen an meine Arbeit in der Rechtsmedizin. Sofort war der penetrant süßliche Geruch der Verwesung in meiner Nase. Stockige Kleidung, die an einem kalten verschmutzten Körper klebt. Das Geräusch der Säge, mit der ich den Schädel aufsäge. Der sanfte Widerstand, wenn das Messer die Haut des Rumpfes durchschneidet. Auf einem Bild ist nur ein klaffender offener Brustkorb zu sehen. Dieses Bild bietet sich mir
jeden Tag. Nur weiß ich hier, dass dieser Mensch eines gewaltsamen Todes gestorben ist und die Menschen, die bei mir auf dem Tisch liegen sind zum Großteil sanft entschlafen.
Ändert das meine Gefühlsregungen beim Betrachten?
Ich lasse meinen Blick weiter schweifen. Ein Bild zeigt Fleischfetzen, die über einer Mauer hängen. Es erinnert mich an Virginia Woolfs Essay „Drei Guineen“ von 1938 in dem sie anhand von Fotografien aus der Zeit des faschistischen Aufstands in Spanien über die Wurzeln des Krieges schrieb.
Ein Foto kommentierte sie wie folgt: „Die Auswahl des heutigen Morgens enthält die Fotografie von etwas, was der Körper eines Mannes sein könnte oder einer Frau; er ist so verstümmelt, dass er auch der Körper eines Schweines sein könnte.“
Genauso sieht das auf dem Foto aus. Wenn ich nur aus dem Kontext des Kunstwerks und der anderen Bilder annehmen kann, dass es sich um einen toten Menschen handelt, muss mich dieses Bild dann menschlich berühren? Ich fühle nichts. Nicht mal Ekel. Weil das Gezeigte so grotesk ist. Ich betrachte es eher interessiert, weil ich versuche die Körperteile zuzuordnen.
Andere Fotos jedoch berühren mich. Ein hübsches junges Männergesicht. Ein Streifen dunkle Locken. Darüber ein klaffender offener Schädel, das Gehirn liegt neben dem Leichnam.
Die einzelnen Bilder sind nicht beschriftet. Der Betrachter weiß nicht wo und in welchem Konflikt diese Männer ums Leben gekommen sind. Und wofür? Die Bilder zeigen die grausame Sinnlosigkeit von Krieg. So viele Menschen geben ihr Leben. Egal in welchem Krieg oder Befreiungskampf sie ums Leben gekommen sind, ich bezweifle, dass der Tod dieser vielen Menschen irgendetwas geändert oder bewirkt hat. Überhaupt, welche Entwicklung oder welcher Ausgang eines Krieges rechtfertigt wie viele Tote? Das Kunstwerk hat mich gefangen. Es hat mich in sich reingezogen wie der eine Professor vorhin in seiner Rede erläutert hat. Zeigt das verborgene, dahinter Stehende. Etwas, dass nicht in Worten zum Ausdruck gebracht werden kann. Genau dazu ist Kunst da.

Die Diskussion der leeren Worte und des arroganten Gehabes plätschert an mir vorbei. Es ist schon ganz schön mutig von den Organisatoren dieses Kunstwerk für die Dauer der Veranstaltung direkt neben den Zuschauern stehen zu lassen. Die meisten haben eine direkte Sicht darauf, können kaum vermeiden, dass ihr Blick es immer wieder streift. Die Leute im linken Block können das Kunstwerk am besten vermeiden. Ob sie bei der Auswahl ihres Platzes darauf geachtet haben?
Ich muss und will dem Kunstwerk nicht ausweichen. Ich kann seinen Sog ertragen. Aber ich habe zwischendurch immer wieder Menschen beobachtet, die sich das Kunstwerk angeguckt und dann angewidert abgewendet haben. Ich muss immer wieder hinblicken. Aus der Entfernung sind die Leichen sowieso nur undeutlich und schemenhaft zu erkennen.

Plötzlich wird mein Blick gefesselt. Von dem Schmetterling, der vorhin schon den Saal aufmischte und die Blicke der Zuschauer auf sich lenkte. Er hat sich am oberen Rand des Tuches niedergelassen. Sitzt über den Bildern, am unteren Rand der Bildüberschrift. Er bewegt ein paarmal die Flügel, wird dann still. Es ist ein Kleiner Fuchs. Seine rotbraunen Flügel werden von einem Scheinwerfer angestrahlt. Ich kann den Blick nicht abwenden. Er sitzt einfach ruhig da.
Ich überlege, ob ich meinen Fotoapparat aus der Tasche hole und dieses bizarre Bild fotografiere. Aber eigentlich sind Kameras verboten und wenn ich deutlich sichtbar das Kunstwerk und nicht das Podium fotografiere, bekomme ich vielleicht Ärger. Außerdem wird man den Kleinen bei der dunklen Beleuchtung und der Entfernung wahrscheinlich gar nicht erkennen. Direkt neben dem Kunstwerk sitzen mehrere Pressefotografen, ihre Kameras in Habachtstellung. Doch dieses einmalige Bild nimmt keiner von ihnen wahr. Was sind das für Fotografen?! Amateure…

Ich lächle in mich hinein, weil ich dieses Ereignis wahrgenommen habe. Warum berührt es mich so? Der Schmetterling strahlt Unschuld aus. Mit seiner Anwesenheit verbindet er die grausamen Bilder mit der Natur. Er erinnert mich an den natürlichen Kreislauf des Lebens auf der Erde. Alles ist vergänglich. Natürlich wissen wir, dass jeder Mensch irgendwann sterben wird. Es ist unvermeidlich. Trotzdem sind wir bei den Bildern von gewaltsam Getöteten betroffen, weil ihr Tod nicht natürlich war. Weil sie aus dem Leben gerissen wurden. Im Fall von Kriegsbildern durch die Handlungen anderer Menschen. Doch letztlich finden auch sie ihren Frieden, wenn sie der Erde übergeben werden. Weil sie wieder Teil des Ganzen werden. Der Körper zerfällt, vermengt sich mit Erde und Pflanzen. Bringt neues Leben hervor. Vielleicht nehme ich deshalb die Anwesenheit des Schmetterlings auf dem Bild des Grauens als tröstlich wahr, weil er mich an die natürlichen Abläufe erinnert und dass es nicht nur den Tod gibt, sondern auch immer wieder neues Leben entsteht.
Was für hochphilosophische Gedanken… Ich überlege, ob ich die verfahrene Diskussionsrunde auf meine Entdeckung aufmerksam machen sollte. Dann würden sich die Gedanken der hochdotierten Herren mal um etwas anderes drehen, als nur ihre Selbstdarstellung. Aber ich entscheide mich dagegen.

Dieser Schmetterlings-Moment gehört mir und ich umarme ihn.

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