One moment one story

Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

Loslassen (2011)

Viele Menschen träumen von einem Fallschirmsprung. Einmal im Leben wollen sie sich trauen. Ich habe mich getraut und 2011 mit der Grundausbildung im Freifall-Fallschirmspringen begonnen. Warum ich sie nicht beendet habe? Das ist eine andere Geschichte!

p1030080
Trockenübung

Loslassen

Der dünne lila Stoff schmiegt sich an meinen Hintern. Meine warme Haut verschmilzt mit dem Nylon. Ich stecke meine Arme in die Ärmel. Wie soll ich diesen superengen Anzug über meine Schultern bekommen? Ich krümme mich zusammen und zwänge mich irgendwie hinein. Jetzt die Luft anhalten und langsam den Reißverschluss hochziehen. Brüste zusammenschieben – geschafft. Ich schaue an mir herunter. Wow, ich bin Lara Croft!

Ich raffe meine Sachen zusammen und verlasse die Toilette. Als ich den Hangar betrete, habe ich das Gefühl tausend Augen seien auf mich gerichtet. Oder bin ich doch nicht Lara Croft, sondern eine Presswurst? Ich lege meine Sachen in den Rucksack, ziehe meinen Bauch ein und spaziere strahlend nach draußen.

„Der mit dem offenen Blick“ kommt auf mich zu und fragt wo denn dieser entzückende Anzug ausgegraben wurde. Ich entgegne, dass er nur auf mich gewartet habe um mich in ein unbekanntes lilafarbiges Flugobjekt zu verwandeln. Der Oberlehrer kommt mit ernster Miene auf mich zu. Als er meinen Anzug sieht, grinst er. Er sagt, er sei froh, dass ich offensichtlich die Spezialausstattung erhalten habe und möchte den Ablauf nochmal mit mir durchgehen. Wir gehen zur Liegetonne, ich lasse mich auf das Brett fallen und nehme die Freifallposition ein. Doch Oberlehrer wie er ist, will er beim simulierten Ausstieg beginnen. Alles klappt prima, wir lachen. Wir gehen zu meinem Schirmrucksack und gucken ob alle Ausrüstungsgegenstände bereitliegen. Brille, Funkgerät, Höhenmesser, Helm – alles da. Da kommt auch schon der Aufruf. „Die Springer für Load 15 bitte in fünf Minuten zum Flugplatz.“ Mir wird bereitwillig von meinem Lehrer beim Anlegen der Beingurte geholfen. Ich gehe zu „Dem mit dem offenen Blick“, er wünscht mir viel Spaß und fragt, ob ich aufgeregt sei. Nein, das bin ich nicht, sage ich und meine es auch so. Komisch, ich habe darauf gewartet, aber irgendwie bin ich nur froh, dass das Warten endlich ein Ende hat. Ich hänge mir die Brille um den Hals, so wie alle anderen das auch machen, stecke das Funkgerät ein, nehme meinen Helm und schaue mich wartend um.

p1030077
Gruppenfoto vor dem Einstieg ins Flugzeug

Endlich machen sich die Mitspringer auf den Weg und ich bin froh mich ihnen anschließen zu können. Die Groupies vom Tandemsprung starren mir neidisch hinterher. Ich fühle mich an diese schlimmen amerikanischen Kriegs- oder Katastrophenfilme erinnert, wo die sogenannten Helden betont wichtig im Angesicht ihrer superwichtigen Mission zum Flugzeug schreiten. Es fehlt nur ein bombastischer Soundtrack zur Untermalung. „Muse“ wären nicht schlecht. Oder eine dieser scheiß Boxerhymnen. Ich muss grinsen. Mein zweiter Lehrer schaut mich amüsiert an und sagt, er sei froh, dass ich so unbeschwert lächle, das sei in diesem Augenblick bei den meisten Schülern äußerst selten. Ich muss noch mehr grinsen. Ehrfürchtig betrete ich das Flugfeld. Das Tor zum geheimen Garten. Endlich bin ich dabei und nicht nur sehnsüchtiger Zaungast. Wir müssen noch warten, das Flugzeug ich noch nicht zurückgekommen. Der Oberlehrer überprüft nochmal den Sitz meines Fallschirms, er wird doch wohl nicht nervös sein…? Der Attraktive kommt langsam herangeschlendert. Sein mittlerweile vertrautes breites Grinsen haut mich trotzdem wieder um. Er fragt, ob ich bereit sei. Selbstsicher töne ich, dass ich das schon lange sei und mich freue. Es ist tatsächlich ein Gefühl wie an Heiligabend. Grundsätzlich weiß man was einen erwartet, aber was genau ist doch noch verborgen. Und jeden Moment kann das Glöckchen läuten. Und so ist es jetzt auch, nur dass das Glöckchen das laute Brummen der Flugzeugturbine ist. Als erstes steigen die zittrigen Tandemgäste in das Flugzeug, ihre Chauffeure der Lüfte versuchen sie durch lockere Sprüche aufzumuntern. Jetzt bin ich dran. Der Oberlehrer hilft mir charmant die Treppe hinauf. Ich lasse mich auf dem Boden nieder. Sitze gibt es hier nicht, wir sitzen alle dicht gedrängt im Innern des silbernen Vogels. Die Solospringer steigen als letztes in die Maschine. Der Attraktive auch. Er schaut sich fragend um. Ich fordere ihn auf, sich vor mich zu setzen, schließlich ist dort noch Platz. Er antwortet, das lasse er sich nicht zweimal sagen und lässt sich zwischen meinen geöffneten Beinen nieder. Vorsichtig, oder vielleicht doch nicht ganz so vorsichtig, rückt er noch näher an mich heran.

Lehrer Nr.2 hat mich mittlerweile festgeschnallt. Ich lege meine Hände auf die Schultern des Attraktiven. Der schwarze Stoff unter meinen Händen fühlt sich rau an. Er dreht sich um, sein Gesicht ist dicht vor meinem und fragt ob alles okay sei. Alles bestens, antworte ich und widerstehe dem Impuls sein Gesicht zu berühren.

Ächzend verlassen wir den Boden. Endlich kommt das Abheben wieder in meiner Magengrube an. Zu lange war das Fliegen nichts Besonderes mehr für mich. Nach Zeiten in denen ich teilweise sechs Flüge an einem Wochenende hatte, war das Kribbeln bei Start und Landung irgendwann ausgeblieben.

Schon haben wir 300 Meter passiert, alle schnallen sich ab und nehmen ihre Helme ab. Auch ich nehme meinen pinken Kopfschutz ab und schüttle mein Haar (hoffentlich) filmreif aus. Der Attraktive dreht sich halb um, um mich herum wird gescherzt und gelacht. Der Oberlehrer erinnert mich daran, weshalb ich eigentlich hier im Flugzeug sitze und fordert mich auf, ihm den Ablauf zu beschreiben. 4000 m Ausstieg, Höhenkontrolle und so weiter. Er nickt zufrieden und sagt bei 3500 Metern könne ich mich bereit machen. Ich schaue aus dem Fenster. Der Himmel hat bereits ein zartes Rosa angenommen. Felder, Häuser, die Erde entfernen sich immer mehr.

Ich muss an meine Begegnung am Vorabend denken. An ihre schönen grau-grünen Augen. An ihre duftenden Locken. Dieses wohlige Gefühl der Vertrautheit, gemischt mit dem Kitzel des Unbekannten. Schade, dass sie jetzt nicht dabei ist.

Ein zarter Druck gegen meinen Oberschenkel reißt mich aus meinen Gedanken. Der Attraktive lehnt sich etwas zurück. Der lila Stoff brennt. Ich kann durch die zwei dünnen Stoffschichten die Wärme seiner Haut spüren. Ich spüre ein Lachen in mir aufsteigen und bemühe mich es zu unterdrücken. 2000 Meter über der Erde, ich werde gleich das erste Mal aus einem Flugzeug springen und bin sexuell erregt. Von einem Mann! Ich bewege vorsichtig meine Hände, die wieder auf seinen Schultern liegen, fast ein Streicheln. Er antwortet mit einem leichten Druck seiner Oberarme gegen meine Oberschenkel. Ich sollte doch aufgeregt sein, zittern, Todesangst haben. Stattdessen kann ich nur an Sex denken!
Erst die Bewegung um mich herum reißt mich aus meinem, nun ja, „Zustand“ und ich sehe, dass wir schon bei 3000 Metern angelangt sind. Können diese ganzen Menschen nicht einfach alle weg sein und wir alleine in diesem Flugzeug hoch oben über den nicht vorhandenen Wolken?!

3500 Meter. Ich verlasse ungern meine Position, versuche die Brille elegant aufzusetzen. Wer hat sich diese blöden Gummibänder ausgedacht? Meine Haare bleiben hängen, stehen ab. 3700 Meter und die Frisur sitzt nicht! Irgendwie bekomme ich sie gebändigt, zwänge meinen Helm auf das Wirrwarr. Einer meiner Mitflieger streckt mir seine Hand für irgendeinen geheimen Abschiedsgruß entgegen, den ich nicht kenne. Mir werden die verschiedenen Varianten erklärt und dann darf ich reihum alle abklatschen. Als der Attraktive mir seine Hand entgegenhält, berühren sich unsere Hände, es prickelt, wir lassen sie einen Moment aufeinander liegen. Dann kriecht er mit dem Langhaarigen zur Tür. Also zu dem klapprigen Rolltor, das Tür genannt wird. Das Paar mit den Bird Anzügen öffnet das Tor. Wind fließt knatternd zu uns herein. Ganz weit unten sehe ich gelbe, braune, grüne Flecken, kleine rote Hausdächer, graue Bänder schlängeln sich dazwischen. Da, endlich, stellt sich das mulmige Gefühl in der Magengrube ein!
Das Birdanzugpaar springt mit weit geöffneten Armen hinaus. Der Attraktive und der Langhaarige fassen sich an den Schultern und lassen sich kopfüber aus der Öffnung fallen.

Da soll ich hinaus springen? Die anderen sind einfach weg. Der Boden ist so weit weg. Was, wenn etwas schiefgeht? Eins der Horrorszenarien, die wir gestern durchgesprochen haben, eintritt? Ich habe in letzter Zeit doch so oft gedacht, dass mein Leben blöd ist, ich was ändern muss, mich gefragt wozu ich mich so abmühe. Und jetzt bringt der Gedanke daran, dass es doch ganz schnell vorbei sein könnte mein Herz zum rasen.

„An die Tür!“ Der Befehl des Oberlehrers reißt mich aus meiner aufkommenden Panik.
Ich schlucke.
Atme ein. Atme aus.
Tiefe Bauchatmung.
Einatmen – lass – ausatmen – los.

Ich krieche, oder besser, watschle zur Tür. Die Lehrer fragen mich, ob ich bereit sei. Ich nicke, beide Daumen hoch. Der zweite Lehrer klettert nach draußen, steht halb aus der Tür gelehnt. Ich halte mich am Türrahmen fest, versuche meine Füße an die Türkante zu stellen. Mann, ist die schmal. Es fühlt sich wackelig an. Der Oberlehrer kriecht dicht an mich heran. Okay, let‘s go, denke ich mir und drücke innerlich den Startknopf für das erlernte Programm. „Check in“, brülle ich dem Oberlehrer zu, er antwortet „okay“. „Check out“, auch beim Lehrer draußen ist alles in Ordnung. Ich schiebe meinen Oberkörper aus dem Flugzeug. „Propeller, hoch, runter, raus.“ Ich drücke mich bemüht vorsichtig mit meinen Füßen ab, dann lasse ich los. Ich hebe die Arme in einen 90 Grad Winkel, drücke die Hüfte nach vorn. Ein scharfer Luftzug schneidet in meine Lungen, es tut einen Moment weh. Ich liege in der Luft. Das Flugzeug entfernt sich schnell. Ich schaue auf den Höhenmesser. 3700 brülle ich nach rechts und links, erhobene Daumen antworten mir. Meine Wangen vibrieren beim Sprechen. Schnell schließe ich den Mund, schließlich hat einer der Lehrer eine Helmkamera auf dem Kopf. Ich führe meine Hand dreimal zum Auslösegriff. Der Oberlehrer legt seine Hand auf meine. Ruhe. Alles ist gut. Höhe? 3200. Und jetzt? Ich hebe meinen Kopf. Der Himmel ist bereits rosarot eingefärbt. Die Sonne ein strahlendes Band. Goldrot. Sie schaut mich an. Wunderschön. Das ist so wunderschön, ist mein einziger Gedanke.

Die Hand des Oberlehrers kommt in mein Sichtfeld. Er formt damit ein O. Das hieß? Höhenmesser. Ich neige den Kopf. 1500 Meter. Da war doch was… 1500 Meter?! Da muss ich doch den Fallschirm auslösen! Panisch greife ich zum Griff, ein kräftiger Zug.
Ich werde zurückgerissen. Ich schreie.

Es fühlt sich so gut an! Wie beim Bungeesprung. Nur dass ich nicht zurückfedere. Sondern in der Luft zu stehen scheine. Stille. Mein Gehirn springt in den Abspulmodus der gelehrigen Schülerin. Kappenkontrolle. Ach, ich habe einen grün-gelben Schirm. Er schimmert glänzend. Luftraumkontrolle. Weit entfernt sehe ich andere bunte Schirme. Doch ich bin allein. Kappenfunktionskontrolle. Ich ziehe an den Steuerleinen, der Schirm bremst. Schaukelnd stehe ich in der Stille. Ich halte immer noch den Fallschirmauslösegriff in der Hand. Wohin damit? Ich öffne meinen Overall und stopfe ihn mir zwischen die Brüste.

Roter Himmel, eine tiefe Sonne, ich lächle. Dankbarkeit.

Und jetzt? Wo schwebe ich eigentlich hin? Ich schaue nach unten. Wo ist der Flugplatz? Mein Herzschlag beschleunigt sich. Meine Kehle wird eng. Meine Augen fliegen hin und her. Da sehe ich das graue Band der Landebahn, daneben den Hangar. Noch sehr klein. Davor die Landewiese. Auch sehr klein. Aus dem Funkgerät quäkt mir die Stimme des Bärtigen entgegen. Er gibt mir Steueranweisungen. Ich ziehe an den Steuerleinen. Erst vorsichtig, dann stärker. Sanft dreht sich der Schirm mit mir nach rechts. Ich werde mutiger, korrigiere selbst die Richtung, prompt werde ich gelobt. Die Erde nähert sich nun doch allmählich. Ich muss Abschied vom Schweben nehmen. Das Lande-T? In welche Richtung stand es? Ach ja, schräg in Richtung Hangar. Ich folge den Anweisungen des Bärtigen. Der Boden nähert sich jetzt rasend schnell. Will er mir nicht das Kommando zur Schlussbremse geben? Geduld, er hat dich im Blick. „Flaren“, ertönt es, „auf mein Kommando – jetzt.“ Ich ziehe an den Schlaufen. Kopf – Schulter – Hüfte. Langsam. Meine Füße berühren das Gras. Ach ja, ich soll mich ja zu Boden fallen lassen. Ist sicherer. Bitte sehr. Ich liege im Gras. Der Bärtige fordert mich per Funk auf aufzustehen, wenn es mir gut geht. Ich rappel mich auf, springe in die Luft, wackle mit den Hüften. Mache ein Tänzchen. 50 Sekunden freier Fall, sanftes durch die Luft segeln, wieder auf dem Boden, zwischen den Welten. Das Glück liegt vor mir. Ich greife zu.

print

5 Kommentare

  1. Fühlt sich an als wenn ich mitgesprungen/geflogen bin!!!!!! Wahnsinn! Diese Sehnsucht nach Absoluter Freiheit kenne ich annähernd vom Bungee. Toll!!!!! Breathtaking!

  2. Verena Concha Vega

    Oktober 30, 2016 at 6:58 am

    wenn so ein Bild existiert, will ich es sehen!

  3. Verena Concha Vega

    Oktober 29, 2016 at 2:41 pm

    Wow Teresita,
    super Geschichte!
    Alles drin: Witz, Spannung, Sex und der Wunsch nach Freiheit – einfach alles mal loslassen zu können oder auch zu dürfen –
    Darüber hinaus bin ich fest davon übrzeugt, dass Du wie Lara Croft und auf gar keinen Fall, auch nur ansatzweise, wie ne Presswurst ausgesehen hast!

    überzeugt

Schreibe einen Kommentar zu Maria Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.