Diesen Text habe ich am 07.11.2016 per Skype im Café Cralle, Berlin, gelesen.

Morgen sind Wahlen. Ein Wahlkampf den ich von Deutschland aus mit Erstaunen, Entsetzen und Abscheu beobachtet habe. Hier ist er nicht so omnipräsent im Stadtbild wie es bei deutschen Wahlkämpfen der Fall ist. Bei den enormen Spendensummen von denen immer die Rede ist, die jede*r Wahlkämpfer*in sammeln muss, hätte ich gedacht, dass das Land mit Plakaten gepflastert ist. Als ich in einer Bar bin, kommt in einer der zahlreichen Pausen während des Baseballspiels ein Werbespot für Donald Trump. Die anderen an meinem Tisch schütteln alle ungläubig den Kopf. Nun ja, das sind alles Europäer, von daher nicht repräsentativ.
Ich treffe einen amerikanischen Freund, den ich fünf Jahre nicht gesehen habe, am Bahnhof Union Station als er auf der Durchreise ist. Wir kommen auf das Thema Wahlen zu sprechen. Ich frage warum die Kandidaten der kleineren Parteien, Jill Stein von der Grünen Partei und Gary E. Johnson von der Libertären Partei, nicht mehr in den Fokus rücken, wenn die Kandidaten der beiden großen Parteien von vielen Wähler*innen so abgelehnt werden. Er erklärt mir, dass die USA faktisch ein Zwei-Parteien-System haben und deshalb die Kandidaten der kleinen Parteien keine Chance hätten. Er schüttelt über Trump nur den Kopf. Gibt zu, dass die Amerikaner in manchen Dingen schon ganz schön verrückt seien, aber doch nicht so sehr, dass sie Trump wählen würden. Er hält viel von Hillary Clinton und glaubt, dass sie die Wahlen gewinnen wird. Ich fühle mich beruhigt. Wenn er nicht glaubt, dass die Amerikaner so verrückt sind, Trump zum Präsidenten zu machen, wird alles gut werden.
Mein Mann hat dann doch noch Leute getroffen, die tatsächlich Trump wählen werden. Er war bei der Party eines Kollegen in dessen Haus in Indiana (Nachbarstaat von Illinois). Arbeits- und Privatleben sind meinem Eindruck nach hier mehr verflochten als in Deutschland. Mein Mann war jetzt schon zweimal bei Kollegen zu abendlichen Treffen außerhalb der Stadt eingeladen und hat dann auch dort übernachtet. Es gibt im Büro einen Beauftragten, der abendliche Aktivitäten organisiert. Neulich war zum Beispiel ein Bowlingabend bei dem die Mitarbeiter*innen dann auch Preise bei einer Verlosung (sogenannte Raffles) gewinnen konnten. Aber zurück zu der Party. Es waren auch Freunde und Nachbarn des Kollegen da, unter ihnen Trump Befürworter. Sie sagten, das politische System sei in seinem jetzigen Zustand korrupt und deshalb müsste sich etwas ändern. Dies sei nur mit einem Außenseiter möglich, der nicht schon seit Jahren Teil des Systems sei.
Den Wunsch nach Veränderung kann ich ja verstehen. Aber deshalb einen sexistischen, rassistischen Hotelbesitzer, der keine Ahnung von weltpolitischen Verflechtungen hat, und es in Ordnung findet, Frauen anzugrabschen, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu wählen, erscheint mir keine angemessene Lösung des Problems zu sein. In Deutschland würde man Leuten, die sich Veränderung wünschen, empfehlen, eine Bürgerinitiative zu gründen oder sich in einer Partei zu engagieren. Aber vielleicht sind wird doch nicht so weit von der Verrücktheit der USA entfernt, wie ich es gerne glauben möchte. Ignorante, politisch inkorrekte, rassistische Möchtegern-Politiker werden in Deutschland in diesen Tagen leider auch gewählt.
Ihr seht, meine Entdeckungsreise hat begonnen. Dieses widersprüchliche Land gibt mir noch viele Rätsel auf, so dass mir die Geschichten bestimmt nicht ausgehen werden.

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