One moment one story

Jeder Moment erzählt eine Geschichte.

Wenn Frauen demonstrieren…

Eigentlich hätte der 20.1. ein Freudentag für mich sein sollen, statt dessen war ich deprimiert. Es war endlich soweit: Der neue US-Präsident wurde vereidigt und hat seine Arbeit begonnen. Und zwar genauso schlimm oder noch schlimmer als erwartet…
Als ich den Fernseher einschaltete, um die Live-Übertragung aus Washington zu sehen, hat mein Sohn begeistert mit den Leuten im Fernsehen mitgeklatscht. Das konnte ich nicht ertragen, so dass ich mir das Trauerspiel in drei Akten erspart habe.

Am nächsten Tag fand in Washington ein grosser Women’s March statt. In zahlreichen anderen US-amerikanischen Städten wurden ebenfalls Frauenmärsche organisiert. Auch im Ausland wurden Paralleldemonstrationen angemeldet.

Worum ging es den Menschen (nicht nur Frauen), die mitgelaufen sind?
1. Um Frauenrechte.
Ein Präsident, der im Wahlkampf mehr als einmal gezeigt hat, dass er Frauen als willige Objekte ansieht, die sich ihm und seinem Geschlechtsteil zu unterwerfen haben – und das toll finden – muss daran erinnert werden, dass auch dieser Teil der Bevölkerung Rechte hat.
2. Um LGBTQ-Rechte (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, queer).
Trump versteckt seine Meinung nicht, dass er gegen die Homosexuellenehe ist. In seinem Kabinett sind einige sehr konservative Minister*innen, die den Eindruck erwecken es stehe eine Rückkehr in die 1950er Jahre zu befürchten. Als Homosexualität noch als Krankheit angesehen wurde. Als Bisexualität kein Thema war (ausser vielleicht als feuchter Männertraum, in dem natuerlich nur weibliche Homosexualität auftauchte). Als Transsexualität belächelt, totgeschwiegen oder als abnorm betrachtet wurde. Als die Bezeichnung „queer“ noch nicht existierte (Menschen, die traditionelle Vorstellungen von zwei Geschlechtern ablehnen und neue Lebensentwürfe / Formen des Zusammenlebens suchen). Als Abtreibung noch verboten war und Frauen nicht selbst über ihren Koerper bestimmen durften.

3. Um ein Zeichen gegen Trump zu setzen.
Um ihm zu zeigen, dass er zwar die Wahl gewonnen hat (wie auch immer ihm das gelungen ist, viele Amerikaner*innen und ich verstehen das immer noch nicht), aber nicht mit dem Rückhalt aller Amerikaner rechnen kann.

Mir war es daher wichtig an dem Marsch in Chicago teilzunehmen. Als ich Downtown erreichte, nahmen die Menschenmassen, die Richtung Millenium Park strömten, zu. Viele Frauen mit rosa „Pussy“-Hüten, selbst gebastelten  Plakaten, bedruckten T-Shirts. Aber auch viele Männer. Einer hatte sich eine Vagina auf Papier ausgedruckt und an seine Jacke geheftet. Es waren auch viele Familien mit Kindern da.
 
Die Bühne, auf der Reden gehalten wurden, war irgendwo im Millenium Park, aber bis dorthin kam ich gar nicht. Ich hatte meinen Sohn in der Trage dabei, aber die Menschenmassen waren ihm doch zuviel. Auch die über uns kreisenden Hubschrauber fand er beunruhigend. Also stellte ich mich mit ihm an die Seite und beobachtete den stetigen Strom an Menschen. Mir hat die Kreativität der Plakate gefallen. Der Slogan aus der Clinton Kampagne „Love trumps hate“ wurde oft wiederholt, aber auch „My body, my decisions“ oder „Hands off my pussy“.
Auch die Diversität des Publikums war beeindruckend. Lesbische, schwule, heterosexuelle Paare. Chicago ist eine sehr offene Stadt mit einer grossen LGBTQ-Szene und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Viele Homosexuelle haben Angst, dass ihre Rechte so zu lieben wie sie es möchten und dies offen zu leben eingeschränkt werden und dass Trump es schafft ein gesellschaftliches Klima zu schaffen in dem Homosexualität wieder als abnorm angesehen wird.

Auch Abtreibungen sind ein grosses Thema in den USA. Die Pro Life-Bewegung, die gegen Abtreibungen ist, ist stark und nicht zu unterschätzen. In Deutschland wurde die Abtreibungsdebatte in den 1970er Jahren durch eine Aktion des „Stern“ unter dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ angestossen. 374 Frauen bekannten, dass sie abgetrieben hatten. Der §218 StGB, der Abtreibung unter Strafte stellte, wurde jedoch erst 1992 geändert.
Ich bin katholisch und mittlerweile eher gegen Abtreibungen. Weil ich glaube, dass es immer einen Weg gibt, auch bei einer ungewollter Schwangerschaft. Weil ich glaube, dass jedes Leben lebenswert ist. Aber ich kann auch Frauen verstehen, die ein Kind, das in einer Vergewaltigung gezeugt wurde, nicht bekommen möchten. Oder wenn ein hohes Risiko für die Frau besteht durch die Schwangerschaft/Geburt zu sterben. Frauen dürfen auch egoistisch sein und an ihrem Leben hängen. Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen und erzogen worden, dass Frauen selbst über ihren Körper bestimmen dürfen. Daher finde ich die Debatten hier in den USA teilweise sehr befremdlich. Wenn alte Männer darüber entscheiden was Frauen mit ihrem Körper tun dürfen und was nicht…

Leider konnte ich nicht lange beim Women’s March bleiben, da mein Sohn zappelte und keine Lust mehr hatte. Aber es war ein schönes Gefühl zu sehen, dass so viele Menschen aktiv geworden sind und gezeigt haben, dass sie für Offenheit und Toleranz einstehen – trotz oder gerade wegen des neuen Präsidenten. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Menschen erleichtert waren, dass es diese Demonstrationen gab, um zu zeigen, dass sie mit der neuen Regierung nicht einverstanden sind. Um etwas zu tun.
Denn: Taten sagen mehr als Worte.

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3 Kommentare

  1. „Taten sagen mehr als Worte“ oder „Taten sagen mehr als Klicks auf Like Buttons“!

    Ich kann nur jeden auffordern, jetzt aktiv zu werden, egal ob in Deutschland oder sonstwo auf der Welt. Geht auf Demonstrationen, engagiert euch in eurer Gemeinde, Schule oder Verein. Bietet Paroli all den Hasserfüllten im Kollegen-, Freundes- oder Facebookkreis. Zeigt, dass wir, die vernünftigen Menschen, die Mehrheit sind und nicht diejenigen, die laut „Wir sind das Volk“ krakeelen!

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